Jodler Timo Allemann ist seit 1991 Juror und seit 2007 verantwortlich für die Nachwuchs-Juroren-Ausbildung im Eidg. Jodlerverband.

Von Herzen singen
Ja! Von Herzen singen und johlen kann man überall und jederzeit. Kummer und Last fallen ab, der Geist wird befreit, Frohmut gelebt und Freude verströmt. Mit viel Kreativität werden musikalische Ideen ausprobiert und entwickelt. Bewährt sich eine Melodie, stellt sich auch seelische Resonanz und emotionelle Wirkung bei Zuhörenden ein. Gute, packende und herzbewegende Melodien festigen sich im Laufe der Zeit zu Traditionen und Überlieferungen.

Doch das Wesentliche in einer Melodie, die Lebensfreude, aber auch Wehmut, Schalk, Heimatverbundenheit oder Andacht usw., dies alles steht kaum in einer Partitur. Es muss von Herzen empfunden, gelebt und weitergegeben werden. Nur so kann Jodelgesang ansteckend und eben ergreifend wirken. Da spitzen selbst Kühe auf der Weide die Ohren!

Von Herzen singen und jutzen kann man bestens auch ohne Tracht. Doch wie wunderbar festlich wird einem ums Gemüt, wenn einige in schmucker Tracht zusammenstehen und in innerer Harmonie miteinander singen und jodeln. Und wenn dann die musikalische Darbietung so sorgfältig und herausgeputzt ist wie das äussere Erscheinungsbild der Singenden, wem würde es da nicht warm ums Herz? - Freuen wir uns doch über die immer noch hoch gehaltene Kultiviertheit in der Jodlerszene!

Altes und Neues
Musikalische Traditionen bewahren und erhalten - und sich trotzdem Neuem öffnen: Diese Spannung empfindet man manchmal fast schmerzhaft. Neues zu fördern ist eine grosse Aufgabe, gerade auch für den Jodlerverband. Er ist sich dessen bewusst. Immer wieder werden in den entsprechenden Gremien Öffnungsideen kontrovers diskutiert, im Wissen, dass nicht jede Öffnung nur gut ist.

Mit Normen verhält es sich ähnlich. In der Menschheit gab und gibt es überall Tendenzen zu Normierungen. So ist es auch im Jodlerverband. Immer wieder sind - wie du von Robert Fellmann schilderst - erst mal Schulungsgrundlagen geschaffen worden, um die Qualität zu fördern. Doch werden diese dann oft zu engherzig verstanden und zu normbildend interpretiert. Fellmann hat sich besonders punkto Jodelvokalisierung gegen eine solche Fehlinterpretation gewehrt.

Eine andere Norm ist jene der traditionellen Begleitinstrumente. An Jodelfesten sind heute nur Schwyzerörgeli und Akkordeon zur Jodelbegleitung toleriert. Dies geht auf Hans-Walter Schneller und sein Umfeld zurück.

Doch es gab sie schon früher, und es gibt sie heute zunehmend: Jodelkompositionen mit dazu komponierter Begleitung für ganz unterschiedliche Instrumente. Bei Grolimund sind es zum Beispiel fertige Klaviersätze. Aber es gibt auch Zäuerli mit Hackbrett untermalt oder begleitet von Streichmusik, Jodellieder mit Alphorn- oder Klarinettensolo, Naturjodel zur Kirchenorgel. Mir sind Schallplatten-Aufnahmen aus den Jahren um 1910 bekannt, wo zwei Appenzellerinnen sehr schön Zäuerli johlen, wohlverstanden: Damen - und erst noch begleitet von Klavier und Kontrabass. Ja, was ist denn jetzt noch Tradition?

Jodelfestvorträge
Aber eigentlich sollten wir uns diese Frage stellen: Was wollen wir an Jodelfesten hören? Soll sich ein Jodelfest vom Unterhaltungs- oder Konzertabend eines Chores unterscheiden?

Es gibt gerade auch seitens einiger Jodeljuroren klare Forderungen nach einer Öffnung der Reglementierung betreffend der Begleitinstrumente an Jodelfesten. Würde nun damit allenfalls Neues zugelassen oder eher eine vergessene Tradition wieder erweckt? Spannend zu beobachten, ob eine Öffnung einmal mehrheitsfähig wird, oder ob sich die Mehrheit durch verschiedenartige Instrumente eher vom Wesentlichen, vom herzhaften Gesang, vom herzergreifenden Jodeln abgelenkt fühlt.

Naturjodel
Voll und ganz teile ich die Ansicht, dass alte, ursprüngliche Naturjodel in ihrer spezifischen Eigenart erhalten und gefördert werden sollen, inklusive regionaler Besonderheiten wie des erwähnten typischen Fallenlassens der Stimme am Ende eines Muotathaler Naturjuuzes.

Es wäre jammerschade, wenn solch tradiertes Jutzen einer Norm geopfert würde oder gar verloren ginge. Leider gibt es diese Tendenzen. Hören wir uns zum Beispiel im Appenzellischen um, stellen wir fest, dass man noch vor 15 bis 20 Jahren ganz gut Zäuerli und Rugguserli unterscheiden konnte. Das typisch innerrhodische Alphorn-Fa zum Beispiel fehlte kaum, die Brustlage oder Kopflage des Hauptteils der Jodelmelodien wies einen klaren Heimatschein zu.

Heute dagegen muss man fast verallgemeinernd von einem appenzellischen Naturjodel sprechen. Munter werden Teile und Stimmlagen vermischt, und das ursprünglich Typische ist stellenweise am Verschwinden. Doch das Bewusstsein wächst, dass da wertvolle Traditionen auf dem Spiel stehen. Und damit erhalten auch die Gegenbewegungen gegen die allgemeine Vereinheitlichung Kraft. Mit Freude stelle ich fest, dass es Formationen gibt, die herzhaft in der ursprünglichen naturtönigen Stimmung singen. Oder beobachte im Toggenburg die Arbeit von Willi Valotti, der mit seinen Nesslauern alte und farbige Vokalisierungen wieder ausgräbt, pflegt und verbreitet.

In der Schweiz gibt es unzählige verschiedene Dialekte und innerhalb von jedem sprachlichen Dialekt viele unterschiedliche Vokalfärbungen, die uns oft sehr kleinräumig eine Herkunft bestimmen lassen. Genauso unterschiedlich sind auch die ursprünglichen Vokalisierungen und Klangcharaktere in Naturjodeln. Diese Unterschiedlichkeit und Farbigkeit gilt es vor allem zu erhalten und zu fördern.

So, wie ein Berner Oberländer eben anders spricht als ein Toggenburger, so tönt auch ein Berner Oberländer Jutz erheblich anders als ein Toggenburger. Die Dialektfärbung der Vokalisation ist stets heimatbezogen, aber nicht nur. Auch die Mittelstimmen (nachefahre, gradhebe, Buurestimm) werden regional anders geführt. Vor allem aber wird die Chorbegleitung je nach Region mit unterschiedlichem Druck gesungen, was einen anderen Chorklang erzeugt (Obertonreichtum).

Zudem werden hohe Begleitstimmen teilweise in andere Lagen geführt, was wiederum den Klang verändert. So ergibt sich eine Art Heimatschein. Und so wird auch klar, wieso ein Zürcher Klub nie appenzellisch klingt, wenn er auch ein Zäuerli noch so schön nachsingt.

Aber abgesehen vom Technischen zeichnet doch einen guten Naturjodel aus, dass er eine Geschichte erzählt, dass er herzhafte Stimmungen erzeugt und uns seelisch bewegt. Ein guter Naturjodel spricht in seinen verschiedenen Teilen unterschiedliche Emotionen an. Mal ist es Freude, Lebenslust und Herzenswärme, mal Besinnlichkeit, Beschaulichkeit, Heimatliebe, mal Sehnsucht, Wehmut, Melancholie, dann wieder tänzerische Freude oder Humor und so weiter. Aber immer gilt: Unser Herz muss angesprochen sein, es mues di chrüsele und dr Häärli ufstelle . Ja, diese Vielfalt wollen wir erhalten und fördern!

Bewertung eines Wettvortrages
Wettrennen, Sportwettkämpfe oder Quizsendungen sind stets en vogue. Es ist offensichtlich ein Bedürfnis der Menschheit, sich im Wettstreit zu messen und zu behaupten. In der Jodelszene ist es nicht anders: An der Delegiertenversammlungen vor einem Jodelfest wird jeweils darüber abgestimmt, ob die Vorträge am Fest bewertet und klassiert werden sollen oder nicht. Stets gibt es kaum Stimmen dagegen. Und jemand muss dann diese Bewertung auch vornehmen. Lasst mich deshalb die Juryarbeit kurz umschreiben.

Die Jodeljury eines Wettvortrages besteht aus einem Team von drei Juroren. Durch die Aufteilung in einem Dreiergremium soll möglichst grosse Objektivität in der Bewertung eines Vortrages entstehen. Jedes Jurymitglied hat dabei sein eigenes Fachgebiet. Tongebung und Aussprache der eine, Rhythmik und Dynamik der andere und Harmonische Reinheit der dritte. Jeder Juror verfolgt das Gehörte hierzu auf der Partitur und macht sich während des Vortrags anhand mannigfaltiger Gesichtspunkte Notizen auf einem Bewertungsblatt.

Es ist schon so: Musik enthält immer verschiedene absolute und sehr viele subjektive Komponenten: Bleiben wir als Beispiel bei der Rhythmik. Ob sich ein Viertel in zwei gleichmässige Achtel teilt oder nicht, ob ein Puls schön schwingt, tanzt oder holpert ist gut spür- und bewertbar.

Ob ein Ritardando gleichmässig erfolgt oder stockend, dies kann man noch nachpulsend mitgehen. Ob ein Puls (textgestützt) auf natürliche Art beschleunigt oder verlangsamt und ob dies gleichmässig erfolgt und einen guten Melodiefluss ergibt, solches wird schon eher Empfindungssache. Gleich wie das Ermessen, ob eine erreichte Fermate im Zusammenhang einen genügenden Ruhepunkt ergibt oder zu kurz oder zu lang wirkt. Stets wirkt also individuelles persönliches Empfinden mit. Dessen sind sich Juroren und sicher auch Vortragende bewusst.

Doch zurück zur Vortragsbewertung: Jedes Jurymitglied bewertet neben seiner eigenen Sparte auch noch den Gesamteindruck des Vortrages. Er setzt also zwei gleichwertige Noten, eine für seine eigene Sparte und eine zweite für den Gesamteindruck, d. h. für Interpretation, Musikalität, Ausstrahlung, Wirkung und Gesamtbild des Vortrags.

So ergeben sich pro Vortrag sechs Noten, drei für die jeweiligen Sparten und drei ebenso stark gewichtete für Herz und Seele der Musik, für die Atmosphäre des Vortrags. Und: In der Herz-Note zum Gesamteindruck muss sich die Jury einig sein. Hierzu wird innerhalb der Jury nach einem Vortrag allenfalls eine Diskussion geführt, bis man sich gefunden hat. Die Addition der sechs gesetzten Noten ergibt dann die Klassierung.

Ob es sich nun beim Vortrag um ein Jodellied oder um einen Naturjodel handelt, die zu bewertenden Sparten bleiben immer dieselben. Abgesehen vom Verständnis für den Heimatschein unterscheiden sich Naturjodel, ob sie nun notiert sind oder aus der Tradition überliefert, in der Bewertung kaum von Jodelliedern.

Seit den Jodlerfesten 2010 arbeiten die Juroren mit neuen EJV-Bewertungsblättern. Diese sind besser gegliedert und wesentlich umfassender als die früheren: Neu werden, neben dem Platz für eigene Notizen, zu vielen verschiedenen Gesichtspunkten eines Vortrags positive und negative Stichworte und Adjektive vorgegeben.
Stichworte und Adjektive vorgegeben.
Der Blick des Jurymitgliedes ist deshalb nicht mehr nur auf Fehler, sondern aufs umfassende Werten des Vortrages gerichtet. Deshalb werden die Festberichte nun auch länger, wesentlich gehaltvoller und für die Vortragenden aufbauend. Eine durchaus erfreuliche Entwicklung.

Um die Aussagekraft der Berichte weiter zu erhöhen, wird ab den kommenden Festen den Vortragenden selbst mit dem Versenden der Berichte auch die erreichte Punktzahl mitgeteilt, also die detaillierten Noten der einzeln beurteilten Sparten: Tongebung - Aussprache - Rhythmik - Dynamik - Harmonische Reinheit - Gesamteindruck. So erhalten die Interpreten und Dirigenten ein klares Bild, wo bei der Weiterarbeit (aus der Sicht der Jury) der Hebel anzusetzen wäre.

Klassierungen
Einen Gedanken möchte ich hierzu noch anfügen: Ich schmunzle immer ein wenig, wenn zum Beispiel beim Kunstturnen Noten bis auf Tausendstel genau gegeben werden. Musik und Jodeln ist immer auch Gefühlssache. Und wo Emotionen angesprochen werden, reagiert jeder Mensch subjektiv und anders. Deshalb dürfen die Punktzahlen unserer Jodelvorträge nicht als absoluter Wert angesehen werden. Die Juroren geben sich in der Wertung eines Vortrages sicher alle nur erdenkliche Mühe - aber sie sind eben auch nur Menschen.

Trotz der Bekanntgabe der Noten an die Vortragenden müssen aber die Vorträge in Klassen eingeteilt werden. So will es das Abstimmungsresultat der Delegiertenversammlungen.

Der Jury stehen dazu vier Klassen zur Verfügung: sehr gut - gut - befriedigend - ungenügend. Und die Jury ist aufgefordert, diese vier Klassen auch zu nutzen. Wenn wir aber die Klassierungsliste studieren, stellen wir fest, dass die dritte Klasse selten (zirka 7,5 %) und die vierte Klasse praktisch nie gebraucht werden.

Ob uns ein Jodlerfest positiv oder negativ in Erinnerung bleibt, hängt nicht unwesentlich davon ab, ob die erreichte Klassierung unseren eigenen Erwartungen entspricht oder nicht. Persönlich finde ich es sehr schade, dass sich dann sonntags die Festgemeinde in quasi himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt halbiert. Zwar begreife ich die Enttäuschung über eine verpasste 1. Klasse sehr wohl, wünsche mir aber, dass wir alle den guten Willen und die Einsicht haben, die Klassen gut und befriedigend ganz und gar wörtlich zu nehmen: Ein guter Vortrag ist und bleibt ein guter Vortrag. Es gibt doch noch Wichtigeres auf der Welt und im Leben jedes Einzelnen als eine erreichte oder verpasste Höchstklasse in einem Gesangsvortrag - aber aus gemachten und aufgezeigten Fehlern Positives für die Weiterarbeit zu entnehmen, dies ist letztlich der eigentliche Sinn einer Bewertung.

Schlussfolgerungen
Die Arbeit am Jurytisch an den Jodelfesten klappt meines Wissens reibungslos. Die Juryleute respektieren sich, arbeiten gut vorbereitet, kompetent und nach bestem Wissen und Gewissen. Sie haben die Partitur vor Augen und geben sich sehr Mühe, einen jeden gehörten Vortrag adäquat zu bewerten, gerecht zu klassieren und im Bericht umfassend zu würdigen.

Ziel aller Juryleute ist stets das verantwortungsbewusste Verfassen der Festberichte im Sinne eines guten Kundendienstes zur Förderung der Qualität unseres geliebten Brauchtums.

So ist die Arbeit der Juryleute festtragend und trägt wesentlich zum guten Gelingen eines Jodelfestes bei. Es ist ein gutes Zeichen für die Kompetenz der Juryleute, dass es in der Regel kaum Reklamationen bezüglich der Klassierung oder der Festberichte gibt. Beim Eidgenössischen Jodlerfest in Interlaken zum Beispiel waren es auf fast 900 Vorträge deren drei Reklamationen. Dass dem so ist, zeugt von der hohen Akzeptanz und Wertschätzung der Aktiven gegenüber der qualifizierten Arbeit der Jury insgesamt. Allen Juryleuten und besonders den Berichte schreibenden Obleuten gehört ein grosses Danke für diese sehr zeitintensive und wertvolle Arbeit.

Möge uns noch lange warm ums Herz werden, wenn unsere reichhaltige Jodelmusik in all ihren Facetten erklingt. Mögen unsere mannigfaltigen Jodellieder und besonders der Naturjodel in seiner immensen Vielfalt weiterhin und überall viel Freude bereiten. Dies gelingt ansteckend und ergreifend, wenn in allem Herz und Seele mitschwingt, wenn wir unsere Musik herzhaft empfinden, leben und weitergeben. Auf dass nicht nur Kühe auf der Weide die Ohren spitzen!